11 November 2016

Gut, daß ich nicht dichten kann

Karl Wasserzieher writing from Ostend in November 1914, in Kriegsbriefe deutscher Studenten, ed. Philipp Witkop (Gotha: Friedrich Andreas Perthes, 1916), p. 21:
Gut, daß ich nicht dichten kann — sonst wüßte ich nicht, wo ich anfangen sollte. Besonders jetzt, wo der Gruß zugleich ein Abschiedsgruß sein könnte: denn soeben kommt der Befehl, uns für alle Fälle mit den letzten vier Geschützen marschbereit zu halten. Wo fange ich an? Schöpfe ich Verse aus dem dunklen Schwarz der Wogen und reihe sie auf eine goldne Schnur, die ich aus Sonnenfäden spinne? Oder bewundere ich das tiefe Grün mit den blendend weißen Schaumkronen, deren Weiß ganz dicht am Strand in Goldbraun übergeht? Weiter links wieder grüßt tiefes Blau herüber, und überall, millionenfach die weißen anschäumenden Wogen, darüber Möven, das Gleichgewicht haltend gegen den sausenden Sturmwind , der hoch in den Lüften singt und pfeift und heult, als wenn ein ganzes Höllengeisterheer losgelassen wäre. Wolkenbilder, die wie eine Luftflotte auf uns zusegeln, goldgerändert von der Sonne, die hinter mir aufgegangen und ihre Strahlen durch die Wolken bricht wie auf einem altbiblischen Gemälde — wieder immer wieder faßt uns tiefes Mitleid um die Menschheit. Und man versteht nicht, wie Menschenhaß und -hader bestehen kann vor dieser gigantischen, majestätischen Schönheit des ewigen Meeres, über dem die Sonne auf den glitzernden silbernen Schaumwellen in sieghaftem Glänze liegt.
I don't have a copy, but this book has been translated by A. F. Wedd as German Students' War Letters (Philadelphia: Pine Street Books, 2002).